Regionale Wissensbilanz
Die Globalisierung und Schnelllebigkeit der Märkte führen zu einer stärkeren Standortkonkurrenz. Wie Unternehmen müssen daher auch Kommunen und Regionen ihren zukünftigen Erfolg strategisch planen und realisieren. Dabei wird auch der Erfolg von Kommunen und Regionen stark von „weichen bzw. immateriellen Standortfaktoren bestimmt werden. Mit einer Wissensbilanzierung“ können diese Faktoren strukturiert erfasst, bewertet und gesteuert werden. Erwartet wird auch, dass dieser partizipative Ansatz das Bewusstsein für eine integrative Wissenspolitik in einer Region schärft.
Die Führungsakademie Baden-Württemberg pilotierte dieses Instrument eines strategischen Wissensmanagements erstmals in Deutschland in einem Landkreis. Sie orientierte sich dabei am Modell der „Wissensbilanz made in Germany“ des Bundeswirtschaftsministeriums und an nationalen Wissensbilanzen vorwiegend des europäischen Auslands. Sie unterschied dem Grundsatz auch dieselben Dimensionen: Humanvermögen, Strukturvermögen und Beziehungsvermögen, die allerdings auf Grund des veränderten Bezugs eine andere inhaltliche Ausprägung erfahren haben. Ebenso musste auch das Verfahren dem knappen Zeitbudget der teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger angepasst werden.
Die regionale Wissensbilanz ist ein moderiertes Bürgergutachten, das elektronisch gestützt und nach einem bestimmten Verfahren erstellt wird. Verfahren und technische Unterstützung orientieren sich dabei an den Grundsätzen des vernetzten Denkens und an den Möglichkeiten der Erschließung des impliziten Wissens. Der Nutzen einer regionalen Wissensbilanz besteht insbesondere darin, dass in einer Region
- das profilbildende und profilprägende Humanvermögen identifiziert,
- die daran beteiligten Institutionen und die davon betroffenen Prozesse besser vernetzt,
- zukunftsfähige identitätsstiftende Wertschöpfungs- und Innovationsketten und ein deutliches Zielprofil entwickelt,
- vorhandene Cluster- und Netzwerkinitiativen überprüft,
- statistisches Material vor dem Hintergrund der Selbstwahrnehmung reflektiert und spezifiziert,
- das implizite Wissen der Bürgerinnen und Bürger erschlossen
- aufgezeigt wird, wo Entwicklungsbedarf besteht und
- den politischen Entscheidungsträgern konkrete Handlungsempfehlung vorgeschlagen
werden können.
Zur Vorauswahl der geeigneten Personen wurden drei Cluster gebildet: Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft sowie Politik und Verwaltung. Die regionale Wissensbilanz wurde in sechs Schritten erstellt:
- Erarbeitung eines neuen oder Konkretisierung eines bestehenden Zielprofils
- Generierung und Definition der zentralen Einflussgrößen, einschließlich der diese tragenden Indikatoren
- Bewertung von Qualität und Systematik/Nachhaltigkeit dieser Größen
- Ermittlung der Wirkungszusammenhänge zwischen den Faktoren
- Entwicklung von Handlungsempfehlungen
- Rückkopplung und Veröffentlichung des Berichts
Das Bewertungsteam setzt sich größtenteils aus ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürgern des Landkreises oder der Region zusammen. Von dem Erfahrungsschatz des Bewertungsteams, der Aufdeckung des impliziten Wissens und der Gestaltung des konstruktiven Dialogs hängt wesentlich der Erfolg einer regionalen Wissensbilanz ab. Ausgehend von der Zielsetzung werden Teilnehmercluster gebildet. Für diese Cluster wurden Repräsentanten angesprochen, die im Landkreis regelmäßig in mehreren Rollen aktiv sind. Wenn es gelingt, damit die Mikrokultur einer Region zu erfassen, kann die Zahl der beteiligten Personen sogar auf eine verhältnismäßig kleine Gruppe begrenzt bleiben. Über einen so gebildeten repräsentativen Querschnitt ist es möglich auch mit multiplen Wertesystemen und Sichtweisen einen wirksamen Dialog zu führen.
Die regionale Wissensbilanz ist ein Instrument, das dem wachsenden Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nach mehr Beteiligung an der politischen Entscheidungsfindung gerecht wird. Die Methode fördert das heute wieder aktuelle Leitbild der „Bürgerkommune“. Dieses Leitbild umfasst alle Lebensbereiche, die in lokalen Räumen organisiert sind und alle Akteure, die unmittelbar auf das lokale Zusammenleben Einfluss nehmen. Das Leitbild geht damit über die Möglichkeiten der Kommunalpolitik im engeren Sinne hinaus. Trotzdem kann die regionale Wissensbilanz dazu beitragen, dass insbesondere die kommunale Demokratie, eine kundenfreundliche Verwaltung sowie Unterstützungsnetzwerke der Bürgerinnen und Bürger gestärkt werden können, eine übergreifende Betrachtung des politischen Handelns erfolgt und nicht zuletzt auch Planungsprojekte auf Grund des Partizipationsmanagements auf eine größere Akzeptanz stoßen können. Die erarbeiteten Handlungsempfehlungen können auch Anforderungen an die überregionale Politik enthalten. Mit ihrem kommunitaristischen Ansatz fördert die regionale Wissensbilanz die unmittelbare und mittelbare Einbindung Einzelner in das Gemeinwesen. Die Akzeptanz bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern war sehr groß. „Ich bin überrascht, dass ein so komplexes Thema so bearbeitet werden kann“, war ein Fazit aus dem Bewertungsteam.
Die Führungsakademie bietet diese Methode Stadt- und Landkreisen sowie den Industrie- und Handelskammern an, um bestehende Einzelstrategien und Einzelaktivitäten zu einer klaren und systematischen Regionalentwicklung zusammenzuführen, das profilbildende und profilprägende Vermögen einer Region herauszuarbeiten und eine Wissensstrategie für die politischen Entscheidungsträger zu operationalisieren oder die Wirkungen bereits initiierter Cluster- und Netzwerkinitiativen zu evaluieren.
Der Ortenaukreis ist mit der regionalen Wissensbilanz Preisträger und „ausgewählter Ort 2010 im Land der Ideen“ geworden. In diesem Wettbewerb werden unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler zukunftsweisende Initiativen und Ideen ausgezeichnet, die als vorbildlich für die innovative Gestaltung der Zukunft Deutschlands bewertet werden. Wichtigstes Auswahlkriterium war die „Zukunftsorientierung und Einzigartigkeit“ des Projekts. Hinzu kamen die Vorbildwirkung sowie die Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bereich.
Weitere Informationen
Präsentation zur Wissensbilanz: 2,4 MB
Nachfragen bei Dr. Siegfried Mauch; Mail: siegfried.mauch@um.bwl.de